Konflikte erkennen und verstehen

Wo Menschen zusammenarbeiten, treffen unterschiedliche Vorstellungen, Interessen und Erwartungen aufeinander. Das gehört zum Arbeitsalltag und führt längst nicht immer zu einem Konflikt. Spannungen entstehen häufig dann, wenn Unterschiede über längere Zeit bestehen bleiben, Situationen unterschiedlich bewertet werden oder sich Beteiligte zunehmend missverstanden fühlen.

Aus einer sachlichen Meinungsverschiedenheit kann dadurch eine Auseinandersetzung entstehen, bei der zunehmend auch die Beziehung zwischen den Beteiligten eine Rolle spielt. Wer Konflikte besser verstehen möchte, sollte deshalb darauf schauen, was sich zwischen den Beteiligten entwickelt.

 

 

Konflikte entstehen selten aus einem einzigen Anlass

 

Ein Konflikt beginnt häufig mit einer konkreten Situation: einer Entscheidung, einer nicht eingehaltenen Absprache, unterschiedlichen Prioritäten oder einer Bemerkung, die beim Gegenüber anders ankommt als beabsichtigt. Der sichtbare Anlass erklärt jedoch häufig nur einen Teil der Spannung. Möglicherweise gab es bereits ähnliche Situationen. Erwartungen wurden mehrfach enttäuscht oder unterschiedliche Interessen blieben lange unausgesprochen. Mit jeder weiteren Erfahrung verändert sich dann auch die Einschätzung des Gegenübers. Aus „Wir sind hier unterschiedlicher Meinung“ kann mit der Zeit der Eindruck entstehen: „Mit ihm ist eine vernünftige Zusammenarbeit kaum möglich.“ Damit bekommt die Auseinandersetzung eine neue Qualität.

Unterschiedliche Sichtweisen können sich verhärten

 

In einem Konflikt erleben beide Seiten häufig dieselbe Situation sehr unterschiedlich. Was der eine als klare Ansage versteht, erlebt die andere Person möglicherweise als übergriffig. Eine kritische Nachfrage kann als berechtigtes Interesse gemeint sein und beim Gegenüber wie grundsätzlicher Widerstand wirken.

Je länger eine Spannung besteht, desto stärker beeinflussen bisherige Erfahrungen die Wahrnehmung neuer Situationen. Verhalten wird dann zunehmend vor dem Hintergrund des bestehenden Konflikts eingeordnet. Auch neutrale Aussagen können plötzlich eine andere Bedeutung erhalten. So kann sich das Bild vom Gegenüber Schritt für Schritt verfestigen.

Konflikte verstehen: Unterschiedliche Interessen, Erwartungen, Wahrnehmungen und Erfahrungen können Spannungen zwischen Menschen auslösen.

Konflikte verändern die Wahrnehmung des anderen

 

Mit zunehmender Spannung rückt die negative Wahrnehmung der Person stärker in den Mittelpunkt – wir sprechen hier von selektiver Wahrnehmung. Eigenschaften werden zugeschrieben, Motive vermutet und einzelne Situationen als Bestätigung für das bereits bestehende Bild wahrgenommen. Aus einem konkreten Verhalten wird beispielsweise die Einschätzung, jemand sei grundsätzlich schwierig, egoistisch oder wenig kooperativ.

Damit wird es schwerer, einzelne Situationen unabhängig voneinander zu betrachten. Die eigene Wahrnehmung fühlt sich dabei meist sehr plausibel an. Auch die andere Seite erlebt ihre Sichtweise jedoch häufig als ebenso nachvollziehbar. Diese unterschiedlichen Wirklichkeiten gehören zu den Gründen, warum sich Konflikte so hartnäckig halten können.

 

 

Offene und verdeckte Konflikte wirken unterschiedlich

 

Konflikte müssen nicht laut sein. Manche Auseinandersetzungen werden offen geführt. Es wird diskutiert, widersprochen oder deutlich gezeigt, dass unterschiedliche Positionen bestehen. Andere Konflikte bleiben lange unter der Oberfläche. Informationen werden knapper weitergegeben, Abstimmungen schwieriger oder der persönliche Kontakt wird zunehmend vermieden. Auch solche Veränderungen können die Zusammenarbeit deutlich belasten. Verdeckte Spannungen sind häufig schwerer einzuordnen, weil das eigentliche Thema kaum ausgesprochen wird und sich die Beteiligten trotzdem zunehmend voneinander entfernen.

 

 

Hinter Positionen stehen häufig unterschiedliche Interessen

 

In Konflikten konzentrieren sich Beteiligte häufig stark darauf, was sie wollen. Der eine fordert eine bestimmte Vorgehensweise, die andere lehnt sie ab. Beide Positionen erscheinen unvereinbar. Hinter diesen Positionen können jedoch unterschiedliche Interessen und Erwartungen stehen: Zeitdruck, Verantwortung, Qualitätsansprüche, persönliche Erfahrungen oder unterschiedliche Vorstellungen darüber, was für das gemeinsame Ergebnis wichtig ist.

Das erklärt, warum eine Diskussion über eine scheinbar kleine Sachfrage manchmal überraschend emotional werden kann. Der sichtbare Streitpunkt ist dann mit weiteren Bedeutungen verbunden.

 

 

Ein Konflikt ist nicht automatisch ein Scheitern der Zusammenarbeit

 

Unterschiedliche Interessen und Sichtweisen lassen sich in Unternehmen kaum vermeiden. Sie können sogar wertvolle Hinweise geben: auf unklare Zuständigkeiten, unterschiedliche Erwartungen oder Themen, über die bisher zu wenig gesprochen wurde. Problematisch wird es, wenn sich Positionen verhärten und die Beteiligten zunehmend gegeneinander statt miteinander arbeiten. Konflikte bewusst wahrzunehmen bedeutet deshalb zunächst, Spannungen ernst zu nehmen und ihre Hintergründe zu ergründen.

 

 

Fazit: Konflikte werden verständlicher, wenn wir hinter den Anlass schauen

 

Konflikte entstehen häufig aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Unterschiedliche Interessen, Erwartungen, Wahrnehmungen und Erfahrungen beeinflussen, wie Beteiligte eine Situation erleben und aufeinander reagieren. Mit zunehmender Spannung kann sich der Blick auf das Gegenüber verändern. Dann geht es irgendwann kaum noch um den ursprünglichen Anlass, sondern um das Bild, das beide Seiten voneinander entwickelt haben. Wer diesen Zusammenhang versteht, kann Konflikte besser einordnen und erkennen, weshalb manche Auseinandersetzungen trotz eines scheinbar kleinen Anlasses so belastend werden.

Für konkrete Konfliktsituationen entwickeln die Teilnehmenden im Training Konflikte lösungsorientiert meistern individuelle Handlungsalternativen. Sie lernen, Konfliktdynamiken früher zu erkennen, eigene und fremde Reaktionen besser einzuordnen und auch in angespannten Situationen konstruktiv zu handeln.

 

 

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